Beitrag zur Tagung Der Koran – die unbekannte Offenbarung
Homepage der Evangelischen Akademie Baden
 

Teil der europäischen Religionsgeschichte

Annäherungen an den Koran

Stepputat - Badewien
Annette Stepputat und Dr. Jan Badewien leiteten die Tagung

Bibel und Koran
Ein aufmerksamer Zuhörer las in der Bibel und im Koran

Referenten Isalm
Referenten im Gespräch mit Dr. Badewien

Stepputat Lenzin
Annette Stepputat und Rifa`at Lenzin (Zürich)

Rohe
Prof. Dr. Mathias Rohe
(Erlangen)

Der Islam ist Teil unserer Gesellschaft, zunehmend nehmen Muslime am Leben unserer Gesellschaft teil. Die Kenntnis der religiösen und kulturellen Grundlagen des Islam ist aber verhältnismäßig gering. Themen wie der Kopftuchstreit, der Bau von Minaretten aber auch die politische Großwetterlage beherrschen unser Bild vom Islam. Unter dem Titel "Der Koran – die unbekannte Offenbarung" bemühte sich am Wochenende eine Tagung der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb um ein differenzierteres Bild des Islams. Akademiedirektor Dr. Jan Badewien (Karlsruhe) bezeichnete einleitend die Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Korans als "einen Schlüssel für das Miteinander".

Relektüre

Der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Stefan Schreiner (Tübingen) erinnerte daran, dass anfangs neben dem Koran auch die jüdische Tora, die Psalmen sowie die Evangelien zu den Schriften des Islams gezählt wurden. Bis ins 15. Jahrhundert sei das Wissen über diese Schriften als Bestandteil des Glaubensbekenntnisses präsent gewesen. Nach der Zerstörung des Kalifats sei die Bibel als Referenzgröße des Islam verloren gegangen. Schreiner vertrat die Auffassung, dass die Bibel als Verstehenshilfe des Korans und umgekehrt der Koran der Relektüre und Auslegung der Bibel dienen könne.

Europäische Perspektive

Der Islamwissenschaftler Michael Marx (Potsdam), Leiter der Arbeitsstelle "Corpus Coranicum" - ein Forschungsprojekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften - sieht den Koran als Teil der europäischen Religionsgeschichte, wie die Texte der Kirchenväter und des rabbinischen Judentums. Im Rahmen seines Forschungsprojektes will er "den Koran und die durch den Text gestiftete erste muslimische Gemeinde historisch sichtbar machen". Dabei gehe es nicht darum, den Islam für die muslimische Welt zu erklären, sondern eine europäische Perspektive zu entdecken und zu einer sachlicheren Diskussion des Korans beizutragen.

Reformfähigkeit

Der landläufigen Meinung, wonach der Koran nicht reformfähig sei, widersprach der Islamwissenschaftler Serdar Günes (Frankfurt). Die Geschichte zeige, dass "immerwährende Reform" Teil seines Selbstverständnisses sei. Im Gegensatz zum westlichen Kontext, wo Reform mit "Fortschritt" verknüpft werde, spreche man im islamisch-religiösen Kontext allerdings eher von "Rückbesinnung".

Paradoxerweise sei es gerade die nichtislamische Umgebung, die Muslimen die Möglichkeit eröffne, mehr über ihre Religion zu erfahren, frei zu forschen und ohne Angst vor Repressalien ihre Meinung zu äußern. In dem Bestreben, Anschluss zu finden, suchten Muslime nach Anknüpfungspunkten in der eigenen Tradition. Dabei kämen sie zu dem oft überraschenden Ergebnis, das "sie historisch und existenziell mit dem Abendland verbunden sind".

Der Koran ist auslegungsbedürftig wie die Bibel und der Talmud

Aus Sicht des Rechtswissenschaftlers Prof. Dr. Mathias Rohe (Erlangen) ist der Koran ebenso wie der Talmud und die Bibel auslegungsbedürftig. Die entscheidende Frage sei, ob die Aussagen des Islam "zu jeder Zeit, an jedem Ort und für alle Menschen" gelten. Er sprach sich dafür aus, den Islam "dynamisch, nicht statisch zu lesen ". Konsequenzen habe dies gerade im Hinblick auf Rechtsfragen. Weltweit sei eine Reformbereitschaft des Islams zu erkennen. Gerade in der Frage der Gleichberechtigung von Mann und Frau gebe es viele positive Entwicklungen, zu denen nur Extremisten und Traditionalisten im Widerspruch stünden.

Muslimische Identität

Die Islamwissenschaftlerin Rifa`at Lenzin (Zürich) sprach abschließend über muslimische Identität in Europa. Sie verdeutlichte, dass bei den Muslimen in Europa diese Identität in hohem Maße mit einem Migrationshintergrund verknüpft sei. Die Kinder der Einwanderergeneration wüchsen "in einer säkularisierten, konsumorientierten Welt auf, die mit der Welt der Eltern und deren Wertmaßstäben nicht mehr viel zu tun hat". Für die nachfolgenden Generationen stelle sich die Frage, ob und wenn ja "welche Werte und Traditionen der Eltern sie übernehmen und weiterführen sollen" bzw. "in welchem Maß sie sich integrieren wollen". Aus Sicht Lenzins sei ein Islam anzustreben, der nach wie vor in der Weltgemeinschaft der Muslime verankert ist, kulturell jedoch von Europa geprägt werde. Für die Zukunft Europas wünschte sie sich, dass Muslime und Nichtmuslime die Präsenz des jeweils anderen nicht in erster Linie als Problem empfinden, sondern als Chance und Bereicherung.

Signal für den Dialog

Annette Stepputat (Karlsruhe), Beauftragte für Islamfragen der Evangelischen Landeskirche in Baden, bezeichnete die Tagung als ermutigendes Signal für den interreligiösen Dialog. Darüber hinaus gelte es alles zu tun, was zur Integration von Muslimen in Deutschland beitragen kann.

Ralf Stieber, Karlsruhe, 5. März.2010