Bericht zur Tagung "Das ambivalente Erbe der 68er - L'héritage ambivalent de Mai 68"
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Unpolitische Befreiung des Individuums?

Aspekte einer deutsch-französischen Tagung in Herrenalb über die 68er

"Es gibt heute eine Möglichkeit der Freiheit, die man vor 45 Jahren nicht gekannt hat. Aber wir haben andere Probleme. 1968 war die letzte Revolte, die von CO2 keine Ahnung hatte", räumte kürzlich der deutsch-französische Politiker Daniel Cohn-Bendit ein, einer der führenden Köpfe der 68er Bewegung, in einem Interview. Eher skeptisch blickte er auf die 68er-Bewegung zurück, die zu großen Veränderungen in Frankreich und Deutschland führte. Mit dem schillernden Erbe der 68er setzte sich am in Bad Herrenalb eine deutsch-französische Tagung der Evangelischen Akademien Baden und der Pfalz und Le Liebfrauenberg Eglise Autrement Alsace auseinander. Die Tagung in der Reihe "Trialogue" mit dem programmatischen Titel "Das ambivalente Erbe der 68er - Abbruch - Aufbruch - Umbruch" ("L'héritage ambivlanet de Mai 68.- Rupture - èclatement - bouleversement)" wurde gemeinsam von Akademiedirektor Dr. Jan Badewien (Karlsruhe), Fréderic Duchmann (Goersdorf) und Akademiedirektor Volker Hörner (Speyer) geleitet.

Wolfgang Weiss

Foto 1: Frédericc Duchmann (Goersdorf)

Glaser/Hörner

Foto 2: Dr. Jan Badewien (Karlsruhe)

Soziokulturelle Wirkung der 68er

Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar (Hamburg) grenzte die 68er Bewegung ein auf die Zeit zwischen dem 2. Juni 1967 - der Erschießung Benno Ohnsesorgs auf der Anti-Schah-Demonstration in Berlin - und den Beginn der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt. Politisch sei das größte Verdienst der 68er die Verhinderung eines Einzugs der NPD in den Bundestag, der durch die neue Fokussierung auf die Ideologie und die Verbrechen der Nationalsozialisten bewirkt worden sei. Die bleibende Bedeutung dieser Zeit bestände jedoch in einer soziokulturellen Wirkung: der Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen, der Entwicklung neuer Formen von Beziehungen und eines Hinterfragens von Autoritäten.

Auch der Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Hermann Glaser (Nürnberg) bezeichnete 1968 als "wichtigen Abschnitt in der Modernisierung der Bundesrepublik " verstanden wissen. Der Aufbruch der 50 und 60er Jahre sei durch die 68er zu einem Umbruch geworden, eine Bewegung, die es wagte, die Dinge zu hinterfragen, hinter die Fassaden zu schauen und "die Unanständigkeit der Gesellschaft hinter den Fassaden von Höflichkeit" zu benennen. In einer szenischen Lesung mit dem Pädagogen Prof. Dr. Wolfgang Weiß (Bremen) holten sie die Atmosphäre der 60 Jahre musikalisch und mit Erinnerungen aus dem eigenen Umfeld in die Tagungsstätte. Filmdokumente aus dieser bewegten Zeit stellte daran anschließend der Journalist und Historiker Dr. Klaus Wenger, Geschäftsführer von ARTE Deutschland und ARTE-Koordinator der ARD (Straßburg) vor.

Wolfgang Weiss

Foto 1: Prof. Dr. Wolfgang Weiß (Bremen)

Glaser/Hörner

Foto 2: Prof. Dr. Hermann Glaser (Nürnberg) und Akademiedirektor Volker Hörner (Speyer)

Befreiung des Individuums

Der Soziologe Prof. Dr. Philippe Breton (Straßburg) hingegen meinte, dass die Wahrnehmung von 1968 durch viele Klischees verzerrt werde. Eines davon sei die politische Ausrichtung der 68er, in der breiten Öffentlichkeit stünden die Bilder von friedlichen und gewalttätigen Demonstrationen, Generalversammlungen, vielen Plakaten und Sprüchen an den Wänden im Mittelpunkt. Der Anschein trüge jedoch: "die 68er waren eine kollektive Bewegung, die vor allem die Befreiung des Individuums zur Folge hatte". Letztlich sei 1968 der Kulminationspunkt einer langen europäischen Entwicklung vom Mittelalter bis heute, in der das Ich immer mehr an Raum gegenüber dem Wir gewonnen habe.

Katalysator oder Durchlauferhitzer?

Landesbischof i. R. Prof. Dr. Klaus Engelhardt (Karlsruhe), verdeutlichte in seinem Beitrag, dass 1968 der evangelischen Kirche nach 1945 ein zweites Mal gezeigt habe, dass auch sie politische Verantwortung trägt. 1968 sei allerdings kein Anfangsdatum für die einschneidenden gesellschaftlichen Neuorientierungen in der Kirche gewesen. Die 68er seien aber so etwas wie "ein Katalysator oder Durchlauferhitzer" gewesen, um einer breiteren kirchlichen Basis bewusst zu machen, das sich die evangelische Kirche nach 1945 in der Gesellschaft neu aufgestellt habe. So gehöre es für ihn selbst zum unaufgebbaren Erbe der 68er, sich die Frage zu stellen: "In welcher Welt lesen wir die Bibel?" Es gelte, "von der erlebten und erlittenen Gegenwart aus die Bibel jeweils neu zu lesen und auch den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Kontext beim Lesen der Bibel nicht beiseite zu schieben.

Breton

Foto 1: Prof. Dr. Philippe Breton (Straßburg)

Engelhardt

Foto 2: Prof. Dr.Klaus Engelhardt (Karlsruhe)

Die Lust aufs Prinzipielle fehlt uns heute

Der Publizist und Akademiepriesträger Dr. Alexander Kissler (München) unterstrich, dass die Gegenwart des Jahres 2008 längst nicht mehr im Banne der einst jugendlich frischen "68er" stünde. Vielmehr lebten wir heute in einer Zeit, wo die Entpolitisierung fröhliche Urständ’ feiere, antriebslose Jugendliche vor ihrer Playstation verdämmerten und gelangweilte Content-Manager den E-Mail-Client warteten. Überall dort täte "ein wenig mehr Lust aufs Prinzipielle, ein wenig mehr Neugier auf sich selbst gut". Andererseits sei der gegenwärtig zu beobachtende Aufstieg des Körpers zur religiösen Größe als ein Spätausläufer von "68" zu verstehen, ebenso die über "68" hinausgehende Entgrenzung der politisierten Privatheit zur öffentlichen Intimität und die wachsende Unempfindlichkeit gegenüber dem Scham- und Geistlosen, betonte Kissler.

Akademiedirektor Dr. Jan Badewien (Karlsruhe) sagte abschließend, dass das Erbe dieser Zeit in der Tat etwas Ambivalentes bliebe. Je nach Standort werde man den 68ern die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte oder aber die emanzipatorischen Erfolge dieser Zeit zuschreiben.

Ralf Stieber, Karlsruhe, 28. April 2008


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