Bericht zur Tagung Nachbarschaft - Gemeinschaft - Community |
Brauchen wir eine Renaissance des Nachbarschaftsgedankens?Neue Wege zwischen Gemeinschaft und CommunityFür eine dringend notwendige Renaissance des Nachbarschaftsgedankens hat sich Professor Dr. Thomas Klie, Institutsleiter des Zentrums für Zivilgesellschaftliche Entwicklungen (Evangelische Fachhochschule Freiburg) in Bad Herrenalb ausgesprochen. Auf der Tagung "Nachbarschaft – Gemeinschaft – Community" der Evangelischen Akademie Baden zusammen mit dem Lehrstuhl für Stadtquartiersplanung und Entwerfen (Universität Karlsruhe) und der Karlsruher BauWohnberatung, wies er im Blick auf die demographische Entwicklung darauf hin, dass es nicht ausreiche, das Füreinandersorgen auf eine Versicherung zu reduzieren. "Gemeinschaft erfordere vielmehr Beziehungen und soziales Miteinander". Es zeichne sich ab, dass sich die Rede vom autonomen Menschen als Illusion erweise. In Wahrheit sei wechselseitige Abhängigkeit ein wesentlicher Teil des Menschseins. Es gelte, den Aspekt der gegenseitigen Unterstützung in unserer Gesellschaft ebenso wie die Rede von der Freiheit zu etablieren. Dies sei eine individuelle und kollektive Gestaltungsaufgabe.
Wohnraum gehört existentiell zum Menschen dazuAkademiedirektor Klaus Nagorni (Karlsruhe) sprach von einem "neuen Interesse an Tugenden und Haltungen", die sich schon einmal in kargeren Zeiten bewährt hätten. Dazu gehörten Gemeinsinn, nachbarschaftliches Engagement, Sensibilität für erforderliche Nähe, aber auch für notwendige Distanz. Der Theologe Professor Dr. Dr. Hermann Timm (Heidelberg) rückte das Thema auf die anthropologische Ebene und zeigte, dass Wohnraum existentiell zum Menschen dazu gehört: "Zuhause sein heißt sich vor Ort zugehörig zu wissen". Mit dem Behaustsein werde ein humanes Grundbedürfnis erfüllt.
Nicht jede Gemeinschaft in einen Topf werfenDie Rede von Nachbarschaft und Gemeinschaft, so Akademiepreisträger Dr. Albrecht Göschel (Berlin), ehrenamtlicher Vorsitzender des "Forums für gemeinschaftliches Wohnen", muss jedoch differenziert werden. "Alte und neue Formen des Zusammenlebens dürfen nicht in einen Topf geworfen werden". Traditionale Gemeinschaften seien schicksalhaft, "ihre Mitglieder sind in sie hineingeboren und prägen das gesamte Leben". Nachtraditionale Gemeinschaften hingegen würden von ihren Mitgliedern definiert und müssten die Bedingungen ihres Zusammenlebens jeweils neu miteinander aushandeln. n Anlehnung an Max Weber sieht der Soziologe Professor Dr. Bernhard Schäfers (Karlsruhe) die Zukunft von Nachbarschaften in ihrer Stärke als nicht auf Ewigkeit angelegte "Gemeinschaften, die aus nüchternen Zwecken des Alltags heraus entstehen". Vor Überfrachtungen sei zu warnen: Schäfers erinnerte daran, dass sowohl im Nationalsozialismus als auch im Sozialismus der Nachbarschaftsgedanke ideologisch missbraucht worden sei.
Chancen von sozialer QuartiersplanungAnsätze zu stärker gemeinschaftsorientierten Lebensformen werden mehr und mehr von den Kommunen entdeckt und gefördert. Der Stadtplaner Wolfram Schneider (Gelsenkirchen) zeigte Chancen und Grenzen von sozialer Quartiersentwicklung auf: "Nachbarschaften lässt sich nicht institutionell erfinden, sie braucht Ansätze, auf denen man aufbauen kann". Dort, wo neue Projekte in Stadtteilen initiiert würden, benötige man eine gute Betreuung der Projekte. Interessant ist auch der aus Nordamerika stammende Ansatz des Community Organzing den der Politikwissenschaftler Wolfgang C. Goede (München) vorstellte und mit dem auch der US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama seine politischen Basiserfahrungen gemacht hat. Gestärkt werden sollen nach dem bekannten Prinzip der "Hilfe zur Selbsthilfe" Bürgerorganisationen in Stadtteilen.
Neue Wohnprojekte und LebensformenEin wichtiges Thema waren in Bad Herrenalb neue Wohnformen im Alter. Alexander Grünenwald, Architekt und Geschäftsführer der BauWohnBeratung Karlsruhe, sagte, dass "nicht nur das betreute Wohnen die Wohnlandschaft bunter macht". Notwendig seine mehr und vor allem bezahlbare Angebote, angefangen von gemeinschaftlichen Wohnprojekten bis hin zu quartiersbezogenen Wohnkonzepten. Darüber hinaus wurden auf der Tagung zahlreiche spannende Projekte neuen Wohnens vorgestellt. Prof. Dr. Konrad Maier stellte die "Inszenierung des Sozialen im Wohnquartier" am Beispiel des Rieselfeld in Freiburg vor. Stefan Rettich von Karo Architekten (Leipzig) berichtete vom Projekt "Lesezeichen", mit dem Leerstände durch Nachbarschaftsbildung aktiviert werden. Über das Ökodorf Sieben Linden in Poppau bei Magdeburg berichtete anschaulich die Gemeinschaftsberaterin Kosha Anja Joubert. Ellen Hiep (Den Haag) verdeutlichte, wie Stadterneuerung durch aktive Bürgergemeinschaften funktioniert - sie vertritt die Gruppe R4R.
.Die Tagung endete mit einem spannenden Podiumsgespräch, dass die Themen der Tagung noch einmal unter einem ganz neuen Focus beleuchtete. Der SWR2-Moderator Holger Gohla (Baden-Baden) leitete die Runde wie folgt ein"Patchwork-Familien und Ein-Eltern-Haushalte gehören längst zum Alltag. Ebenso haben in den vergangenen Jahren sogenannte „Nomadenbeziehungen“ zugenommen. Ob Väter und ihre Kinder oder Partner von Fernbeziehungen: Jedes Wochenende findet ein regelrechter Beziehungsaustausch quer durchs Land statt. Zudem entwickeln sich neue Wohninitiativen für Familien und Singles. Diese modernen Zweckbündnisse übernehmen auch Funktionen der alten Großfamilie. Architekten und Stadtplaner stehen dadurch vor neuen Aufgaben. Wie sehen Wohnverhältnisse und Stadtquartiere in Zukunft aus? Wie müssen Innenstädte sich entwickeln? Welchen Einfluss haben ökonomische Zwänge – etwa die Forderung nach mehr Flexibilität – auf Formen des Zusammenlebens? Wie der Gefühlshaushalt mit den neuen Beziehungsformen zurecht kommt, ist dabei eine weitgehend noch unerforschte Frage." Das Podium wurde als SWR 2 Forum aufgezeichnet.
Ralf Stieber, Karlsruhe, 14. April 2008 InformationenR4R, Den Haag Ökodorf 7 Linden, Poppau Impressum |