Bericht zur Tagung "Zwei Seiten der einen Wirklichkeit? " |
Ein Staubsauger ist keine Orgel8. Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie in Bad Herrenalb"Warum steht in der Bibel nichts vom Urknall?", fragt der Schüler seinen Religionslehrer. Mit dieser Frage eröffnete der Physiker und Religionspädagoge Andreas Benk (Schwäbisch Gmünd) seinen Beitrag zur Tagung "Zwei Seiten der einen Wirklichkeit? Bilanz und Perspektiven des Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Theologie". Den 60 Teilnehmern ging um eine Standortbestimmung: Was hat der Dialog gebracht und wo lässt er zu wünschen übrig? Benk sprach die stereotypen Argumentationsmuster an, die das Gespräch immer wieder belasteten. Die Schöpfungsgeschichten lieferten eben keine naturwissenschaftliche Erklärung über die Weltentstehung, sondern seien ein Glaubensbekenntnis zu Gott als Urgrund allen Lebens. "Wie aber soll ein Physiker", so Benk, "der in seiner Forschung an die Grenzen der Objektivierbarkeit kommt, ein objektivierendes Reden von Gott als Schöpfer oder Vater verstehen?" Die Sprache der Theologie müsse verstärkt ihre Vorläufigkeit kenntlich machen und alle ihre Vorstellungen im Sinne des Bilderverbotes sogleich wieder überwinden. Auf den Kontext kommt es anBenk griff damit den evangelischen Theologen Karl Barth 1965 auf, der in einem Brief an seine Großnichte geschrieben hatte: "Hat euch im Seminar niemand darüber aufgeklärt, dass man die biblische Schöpfungsgeschichte und eine naturwissenschaftliche Theorie so wenig miteinander vergleichen kann wie eine Orgel mit einem Staubsauger?" Orgel wie Staubsauger seien auf ihre Weise nützlich, so Benk, sie bewirkten in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches wie eben auch die Sprachen von Theologie und Naturwissenschaft. Kampagne gegen Evolutionstheorie poltischer KampfplatzWie notwendig die Standards der wissenschaftlichen Theologie sind unterstrich die Religionspädagogin Astrid Dinter von der Goethe-Universität Frankfurt. Aus dem Dialog der an theologisch-naturwissenschaftlichen Grenzfragen Interessierten sei angesichts der vor allem in den USA geführten Kampagne gegen die Evolutionstheorie ein politischer Kampfplatz geworden. Wo aber eine reflektierende Theologie außer Kraft gesetzt würde, bestünde die Gefahr, dass fundamentalistische Argumentationsmuster Einfluss in der Gesellschaft gewönnen. Zweckrationales Denken reicht nicht ausDer in Krakau lehrende Philosoph Hans-Dieter Mutschler beschrieb in seinem Beitrag den globalen Siegeszug des technisch-naturwissenschaftlichen Denkens. Das Modell zweckrationalen Denkens reiche aber nicht aus, die Sinnfragen des Menschen zu beantworten und die menschliche Verfassung mit den Phänomenen Krankheit, Leid und Schuld in den Blick zu bekommen. Er warnte vor überzogenen Geltungsansprüchen naturwissenschaftlicher Theorien, wenn diese beanspruchten, die Welt als Ganze erklären zu können. Alles Erkennen sei immer an bestimmte Perspektiven gebunden und nie auf die Wirklichkeit "an sich". Komplexität ist eine BereicherungAm Ende des inzwischen 8. Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Theologie war man sich einig, dass der Dialog aus intellektuellen wie politischen Gründen weitergeführt worden müsse. Es gehe darum, ein reduktionistisches Welt- und Menschenbild abzuwehren: "Dem Baum der Erkenntnis, dürfen nicht seine religiösen Wurzeln abgeschnitten werden", sagte ein Teilnehmer. In einer komplexen Welt, so Akademiedirektor Klaus Nagorni (Karlsruhe) im Resümee der Tagung, könne der Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie dazu helfen, Komplexität nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu erleben. Karlsruhe, 27. März 2006 Impressum |