Menschen an Arbeit und Leben teilhaben lassen
Plädoyer für einen erweiterten Arbeitsbegriff
| Die „Überwindung des industriellen Arbeitsmythos“ hat der Politologe Otto Ullrich (Berlin) gefordert. Mehr denn je sei eine Produktions- und Lebensweise notwendig, „die ohne Gefährdung der Lebensgrundlagen nachahmungsfähig ist“, sagte er auf der Tagung "Macht Arbeit Sinn? Wider die Vergötzung der Erwerbsarbeit ", die von der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb veranstaltet wurde. Statt einer „Wettkampfgesellschaft, in der es zwangsläufig Verlierer gibt“, bedürfe es einer „solidarischen Ökonomie“, die allen Menschen ein menschenwürdiges Leben ermögliche. „Produktionswahn“ und „Wachstumsfetisch“ führten unweigerlich zum Kollaps von Mensch und Natur. |
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Dominante Erwerbsarbeit
| Für Leni Breymaier, stellvertretende Vorsitzende des DGB Bezirks Baden-Württemberg (Stuttgart), war diese Forderung zu steil: „Die Erwerbsarbeit ist zu dominant, um sich einfach von ihr verabschieden zu können“. Schließlich müssten die Menschen „von irgendetwas leben“. Bis heute sei die Erwerbsarbeit die Basis des Sozialstaates. Gleichzeitig gelte es, den Wandel in den Arbeitsverhältnissen zu berücksichtigen. Breymaier schlug einen erweiterten Arbeitsbegriff vor, der Erwerbsarbeit, Gemeinschaftsarbeit, Versorgungsarbeit und Eigenarbeit umfasse. Notwendig sei aber auch die Umverteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit zwischen Männern und Frauen. |
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Teilhabe an Arbeit und Leben für alle
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Christlichen Motiven für eine nachindustrielle Tätigkeitsgesellschaft spürte Akademiedirektor Siegfried Strobel (Karlsruhe) nach. Arbeit sei im Sinne der Bibel nur „etwas Begrenztes“. Die von Gott gewollte menschendienliche Bedeutung der Arbeit zeige sich erst dann, „wenn Ruhe und Muße in Gestalt des Sabbats in gleicher Weise zu ihrem Recht kommt“. Ein wirklich ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Ruhe sei unter den ökonomischen Bedingungen dieser Welt allerdings kaum denkbar.
Strobel unterstrich, dass das christliche Verständnis von Arbeit „keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Formen von Arbeit macht“. Die Erwerbsarbeit habe gegenüber anderen Formen keine Präferenz, vielmehr seien die unterschiedlichen Arbeitsformen aufeinander angewiesen. Kriterium für ein christliches Verständnis von Arbeit sei auch in Zukunft die Frage, „ob alle Menschen an Arbeit und Leben teilhaben können und nicht irgendeine Gruppe auf Dauer davon ausgegrenzt wird, in Deutschland, aber auch weltweit“. Das sei die "eigentliche Herausforderung einer humanen Globalisierung". |
Ungleichzeitigkeit der Entwicklung
| Aus Sicht des Diplomvolkswirts Christian Trapp vom büro für engagierte forschung & wissensvermittlung (Oerlinghausen) eilen die Umbrüche im technischen und organisatorischen Bereich der Arbeitswelt dem sie begleitendem sozialen Wandel voraus. Die „Ungleichzeitigkeit dieser Entwicklung“ werden sich aber wieder geben. Trapp gab sich zuversichtlich, dass die sozialen Institutionen die Entwicklung wieder einfangen und eine menschengerechte Arbeit und leistungsfähige Arbeitsgestaltung kein Paradox sein müssen. |
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Selbstentfaltung - Weltgestaltung
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Weitere Beiträge ergänzten die Tagung: der Volkswirt Prof. Dr. Gerhard Willke (Nürtingen-Geislingen) zeigte in seinem Beitrag "wozu arbeiten?" Aspekte der Entwicklung und Zukunft der Arbeit aus der Sicht eines Wirtschaftspolitikers auf, der Theologe Prof. Dr. Dr. Wolf-Eckhart Failing (Frankfurt/Potsdam) entwarf einen Spannungsbogen von Arbeit zwischen "Selbstentfaltung und Weltgestaltung". |
Ralf Stieber, Karlsruhe, 20. März 2006
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