Bericht zur Tagung "Unser Dorf soll lebendig bleiben" |
Vitale Dörfer stützen unser LandAkademietagung über die Zukunft des ländlichen Raums
"Das Schicksal der Volkskirche wird im ländlichen Raum entschieden", dies betonte der Leiter des kirchlichen Dienstes Land (KDL), Hermann Witter (Karlsruhe) auf der Tagung "Unser Dorf soll lebendig bleiben – Zukunftsmodelle für Kirchen und Kommunen im Ländlichen Raum" der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb. "Vitale Dörfer sind eine Stütze des wirtschaftlichen, sozialen politischen und kirchlichen Lebens in unserem Lande", unterstrich Witter. Möglichkeiten der Kooperation zwischen Kirche und Staat zeigten Bürgermeister Marcus Dietrich (Haßmersheim) und Dekan Rüdiger Krauth (Adelsheim-Boxberg) auf. In den Bereichen Kindergarten, im Bestattungswesen, bei der Gebäude- und Platzgestaltung, der Sozial- und Seniorenarbeit, der Jugendarbeit und bei Finanzierungen gebe es Gemeinsamkeiten. Als Herausforderung für Kirchen und Kommunen wurde insbesondere die Überalterung der Gesellschaft in Deutschland benannt. Angesichts von Schuldenlasten besitzen Haushaltsfragen in Kirchen und Kommunen höchste Priorität. Kirchenverwaltungsdirektor Hermann Rüdt (Karlsruhe) beschrieb, mit welchen Mitteln die Evangelische Landeskirche in Baden bisher zu einem ausgeglichenen Haushalt kommen konnte: erfolgreiche Steuerungsinstrumente der Landeskirche seien die frühzeitig angefangenen Sicherung der Versorgungsansprüche der kirchlichen Mitarbeiter, Zielvereinbarungen bei Visitationen, die Reduzierung der Pfarrstellen und die Einführung der Kosten- und Leistungsrechnung gewesen. Rüdt unterstrich damit, dass ein generationengerechtes, d.h. schuldenfreies Haushalten, auch in schwierigen Zeiten möglich ist. Auf die geschichtliche Entwicklung des Dorfes und der Landwirtschaft ging der Theologe Prof. Dr. Gerhard Rau (Heidelberg) ein und markierte aktuelle Fehlentwicklungen in der öffentlichen Wahrnehmung der bäuerlichen Arbeit. „Die landwirtschaftliche Produktion als eine Variante der industriellen Produktion zu handhaben dürfte allerdings ethisch kaum vertretbar sein.“, sagte er im Blick auf die aktuellen Skandale in der Geflügelwirtschaft. Chancen und Probleme des Dorflebens für den Einzelnen stellte Peter Volker Schäfer(Karlsbad) aus der Sicht eines Psychotherapeuten dar. Es gebe "Paradies- und Höllenaspekte im dörflichen Leben". Als positiv bezeichnete er die Veränderungspotentiale, die sich in Angeboten wie Nachbarschaftshilfe, Hospiz und den Angeboten für Senioren ausdrücken. Der EKD-Beauftragte für agrar-soziale Fragen, Dr. Clemens Dirscherl (Waldenburg), beleuchtete den Umgang mit Fremden im ländlichen Raum, von den Zuwanderern bis hin zu den Touristen. Dabei erinnerte daran, wie früher Anderssein im dörflichen Umfeld wahrgenommen wurde und wie dabei Mutmaßungen, Argwohn und Verdächtigungen eine Rolle spielten. Heute sei ein Wandel zu beobachten: es gebe neue Ansatzpunkte des aufeinander Zugehens und einer erneuerten Gastfreundschaft im ländlichen Raum. Die örtlichen Autoritäten von Kirche und Kommune seien dabei die erwünschten Motoren des Zusammenwachsens. In Workshops wurden die Möglichkeiten kirchlicher und gemeindlicher Projekte deutlich. Pfarrer Dr. Ulf Häbel (Laubach-Freienseen) berichtete, wie ein interessierter und konfliktbereiter Arbeitskreis eine Schule wieder zurück ins Dorf holen konnte. Bei der neuen Dorfschule wurde auf hohe Qualität und innovative Organisationsformen Wert gelegt, das Projekt wurde tatkräftig unterstützt von der hessen-nassauischen Landeskirche. Siegfried Kunz, Vorsitzender des Bürgervereins Gallenweiler (Heitersheim), beschrieb, wie das völlig brach liegende Vereinsleben in einem Dorf durch das Engagement einiger Bürger wiedererweckt wurde und damit das Dorf wieder an Attraktivität gewann. Auf die Anziehungskraft bäuerlichen Direktmarketings für das ganze Umland machte Ingrid Schulze, Geschäftsführerin des Bauernladens Bauernfrisch (Nussloch) aufmerksam. Der Leiter der Raiffeisenbank Gammesfeld (Blaufelden), Fritz Vogt, zeigte auf, das dörflicher Widerstand gegen Vorgaben der großen Politik erfolgreich sein kann. Lokale Errungenschaften könnten mit etwas Zivilcourage durchaus erfolgreich verteidigt werden und damit wichtige dörfliche Strukturen erhalten bleiben. Der Landwirt Friedrich Hildenbrand (Mosbach-Nüstenbach) berichtete vom gemeinsamen Engagement der Dörfler, die sich dagegen wehrten, ihre Kirche verkaufen zu lassen, um den Haushalt der Gesamtkirchengemeinde zu sanieren. Karlsruhe, 17.11.2005
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