Bericht zur Tagung "Macht Markt Menschen " |
Mutige Sozialreformen zur Sicherung des SozialstaatesAkademietagung zum Beziehungsdreieck Macht Markt Menschen
Mutige Sozialreformen hat der baden-württembergische Arbeits- und Sozialminister Andreas Renner (Stuttgart) in Bad Herrenalb gefordert: „Wir müssen wirksame Sozialreformen auf den Weg bringen, nur so hat der Sozialstaat weiterhin Zukunft.“ Auf der Tagung "Macht Markt Menschen. Wer bestimmt die Zukunft? “, die von der Evangelischen Akademie Baden veranstaltete wurde, betonte Renner , dass man bei allen Reformen die Menschen nicht aus den Augen verlieren dürfte. Reformen „können nur dann erfolgreich sein, wenn die Betroffenen sie als notwendige und zielgerichtete Veränderungen akzeptieren“ .
Der Staat werde sich nicht aus der Verantwortung für seine Bürgerinnen und Bürger stehlen, unterstrich der Minister. „Deutschland ist und bleibt ein moderner Sozialstaat. Wir müssen aber auch endlich erkennen, dass wir nicht auf einer Insel der Glückseligen leben. Wir müssen uns in einer globalisierten Welt zurechtfinden und behaupten. Dazu zählt die Erkenntnis, dass nicht alles, was wünschenswert ist, auch bezahlbar ist“, appellierte Renner. Mehr Eigenverantwortung der Bürger sei allerdings notwendig: „Ich bin überzeugt, dass sich der Sozialstaat der Zukunft durch ein Mehr an Solidarität und ein Mehr an Eigenverantwortung der Versicherten auszeichnet“. Leitbilder protestantischer VerantwortungsethikThesen zum Wirtschaften aus protestantischer Sicht stellte Professor Dr. Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (Hannover) auf. Wirtschaft funktioniere dann am besten, wenn sie den Menschen ein hohes Maß an wirklicher Freiheitserfahrung und eigener Lebensgestaltung ermögliche. Leitbild protestantischer Verantwortungsethik sei der „unternehmerische“ Mensch, der aus den ihm von Gott gegebenen Gaben das Beste mache. In dieser Hinsicht sei der „Arbeitskraftunternehmer“ ein sinnvolles Leitbild für die Zukunft. Voraussetzung für die Erfahrungen von Freiheit seien die „Verhinderung von Armut“, der „gerechte Zugang zu Bildung“, „Teilhabe an Arbeit und Konsum“ sowie eine „offensive Familien- und Kinderpolitik“.
Albrecht Müller (Pleisweiler), Ex-Berater von Willy Brandt und Helmut Schmidt und Autor des Bestsellers "Die Reformlüge", kritisierte die populäre Meinung, angesichts der Globalisierung gebe es in Deutschland keine Spielräume für die Politik mehr. Statt Deutschland kaputt zu sparen seien Programme zur Ankurbelung der Konjunktur notwendig. Es sei menschenverachtend, den Bürgern einzureden, dass Leiden und Heulen angesichts notwendiger Reformen angesagt seien.
Terrorismus und MarktgeschehenDas Verhältnis von Markt, Macht und Terrorismus untersuchte der Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Michael von Hauff (Kaiserslautern). Er betonte, dass der Siegeszug des neoliberalen Wirtschaftssystems Mitauslöser für den islamistischen Terrorismus war: Nach der Auflösung des Ostblocks und einer stärker marktwirtschaftlichen Orientierung anderer sozialistischer Staaten habe sich das marktwirtschaftliche System weltweit durchgesetzt. Durch die Dynamik der Globalisierung und die Bush-Regierung sei es noch gestärkt bzw. auch gegenüber den islamischen Ländern eingefordert worden. Damit habe der Individualismus und das individualistische Eigennutzkalkül noch an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung stehe dem islamischen Weltbild eines ganzheitlichen Verständnisses von Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion diametral entgegen, sagte von Hauff.
Bei vielen Menschen in der islamischen Welt wurden so Wut und Angst gefördert, ein idealer Nährboden für fanatische religiöse Führer. Langfristig müsse es darum gehen das gegenseitige Misstrauen und die Ängste abzubauen, um den radikalen "religiösen" Führern ihre Legitimationsbasis zu entziehen. Marktkonforme Menschen?Von der Veränderung des Menschen durch den Markt sprach der Psychoanalytiker Dr. Rainer Funk ( Tübingen ) in seinem Beitrag "Wie der Markt Menschen macht. Psychogenese eines marktkonformen, neuen Persönlichkeitstyps":
Immer stärker werde das Leben an vorgefertigten Lebensstilen, Erlebniswelten und Bewältigungshilfen ausgerichtet. Die Bereitschaft, das Leben aus dem eigenen Vermögen heraus aufzubauen, nehme hingeben ab. Funk vertrat die Überzeugung, dass „die Praxis des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns die einzige wirksame Gegenstrategie des Einzelnen gegen einen Markt ist, der glauben machen will, dass das Menschsein und die Wirklichkeit Waren seien, der man sich kaufen und aneignen kann. Globale DimensionDen Blick auf die globalen Ungerechtigkeiten richtete Frithjof Finkbeiner, Vorsitzender von Global Marshall Plan (Hamburg) und Vorstandsmitglied im Club of Rome Deutschland: 26.000 Kinder sterben täglich an Hunger, 1,5 Mrd. Menschen leben mit weniger als 1 Dollar pro Tag, 2,8 Mrd. mit weniger als 2 Dollar. Hingegen werde jede europäische Kuh mit 2,8 Dollar pro Tag unterstützt. Finkbeiner bezeichnete einen globalen Marshallplan als Möglichkeit, die Unterschiede zwischen den reichen und armen Ländern auszugleichen, Ziel müsse eine ökosoziale Marktwirtschaft sein.
Akademiedirektor Siegfried Strobel (Karlsruhe) sagte, dass die Probleme, mit denen sich die Tagung auseinandergestzt habe, bekannt seien. "Allerdings bedrängen sie uns heute mehr denn je, denn die Erde ist kleiner geworden." Not und Ungerechtigkeit seien nicht mehr fernab, sondern wir sind Mitwirkende als Opfer und Täter. In einer solchen Situation kann die Bekräftigung und Ermutigung aus dem christlichen Glauben heraus helfen, sagte Strobel. Es sei wichtig, "dass wir uns bewußt werden, dass die Erde und die Menschen nicht in unserer Verfügungsgewalt sind". "Die Erde ist des Herrn", heiße es deshalb in einem der biblischen Psalmen. Ralf Stieber, Karlsruhe, 8. November 2005 |