Bericht zur Tagung „Angst essen Seele auf “ - Evangelische Akademie Baden
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Kritik an medialer Angstmache

Tagung über die Angst in der Evangelischen Akademie Bad Herrenalb

 

Kritik an der Manipulation von Menschen durch mediale Angstmache hat der Informatiker Professor Dr. Peter A. Henning (FH Karlsruhe) geäußert. Mit inszenierten „medialen Angstkampagnen“ würde immer wieder versucht, „Menschen zu Handlungen zu bewegen, die sie sonst nicht annehmen würden“, sagte Henning auf der Tagung „Angst essen Seele auf“ in der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb. Es sei keine „harmlose und wertfreie Handlung“, wenn Menschen durch die zyklische Beeinflussung mit Angst erzeugenden Themen und die nachfolgende Befreiung von der Angst durch den „Sieg des Guten“ stimuliert und beeinflusst würden. Überfällig ist nach Ansicht Hennings „ein Grundwertekanon der Informationsgesellschaft“. Die Medienmacher seien sich ihrer Macht bewusst, hätten aber oft „nicht die ethischen Kompetenzen, diese auch verantwortlich auszuüben“.

Akademiepreisträger Prof. Dr. Peter A. Henning
kritisierte in Bad Herrenalb die medialen Angstmacher
Prof. Henning

Auf die „geradezu symbiotische Verbindung“ zwischen Angst und die Religionen ging der Religionswissenschaftler Professor Dr. Axel Michaels (Universität Heidelberg) ein. Religionen gehörten zu den „Vor- und Fürsorgesystemen aus Angst vor der Angst“. Die Entwicklung von Ängsten sei in der Vergangenheit durchaus sinnvoll gewesen. Sollte die Welt in Zukunft für Menschen jedoch immer unwirtlicher werden, stelle sich die Frage, ob überhaupt noch von Vorteil ist, angstbesetztes Vorsorgeverhalten zu erlernen. Vorstellbar sei, Angst zukünftig „pharmakologisch, genmanipulativ oder hirnoperativ“ zu beseitigen, meinte Michaels. Religionen, die sich wie das Christentum mit der Angst des Individuums auseinandersetzen, könnten dann ins Hintertreffen geraten. Ob eine „angstfreie Gesellschaft“ tatsächlich wünschenswert ist, sei fraglich. Möglicherweise bedürfe es sogar erhöhter Angst und Wachsamkeit, um angstfreie Gesellschaften zu verhindern.

Prof. Michaels
Prof. Dr. Axel Michaels im Gespräch
mit einer Tagungsteilnehmerin

Noch aber ist Angst eine menschliche Grundbefindlichkeit. In den Augen der Lehranalytikerin Linda Briendl (Baden/ Schweiz) ist Angst etwas Sinnvolles, „da sie uns Grenzen setzt „innerhalb derer wir uns gefahrlos bewegen können“. Meist aber werde Angst als unangenehm und beengend erlebt - man wolle ihr am liebsten ausweichen. Dies aber, so Briendl, sei nicht möglich: Angst wird uns begleiten „vom ersten Fremdeln des Kleinkindes an bin zum Dunkel des Todes“.

Angst ist menschlich, sagte die Lehranalytikerin
Linda Briendl (Baden/Schweiz)
Dr. Briendl

Immerhin 25% der deutschen Bevölkerung haben in ihrem Leben schon einmal mit klinisch relevanten Angststörungen zu tun gehabt, sagte der Leitende Psychologe Dr. Matthias Backenstraß an der Psychiatrischen Klinik Heidelberg. Nicht jede Störung müsse behandelt werden, spätestens wenn jemand an seinen Ängsten leidet sollte aber über therapeutische Hilfe nachgedacht werden. Die kognitive Verhaltenstherapie öffne Wege, dem „Teufelskreis der Angst“ zu entkommen. So mancher „Angsthase“ sei so schon zum „Muthasen“ geworden.

Dr. Backenstraß
Dr.Matthias Backenstraß zeigte Wege auf,
um dem Teufelskreis der Angst zu entkommen

Eine christliche Sicht der Angst und Angstbewältigung, die Erkenntnisse der modernen Neurobiologie aufgreift, stellte der Theologe Professor Dr. Christoph Schneider-Harpprecht, Rektor der Evangelischen Fachhochschule Freiburg vor. Die Bilder und Symbole von Religion, praktisch umgesetzt im Singen und in der Liturgie im Gottesdienst, könnten im Gehirn „Prozesse der Angstlösung in Gang setzen“. Stress verwandele sich so in Freude, Mut oder Trost. Gottesdienste seien daher „niedrig schwellige Angebote der Angstbewältigung“.

Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht (l.) im
Gespräch mit Prof. Dr. Peter A. Henning
.Prof. Schneider-Happrecht u. Henning

Der Germanist und Volkskundler Prof. Dr. Heinz Rölleke (Wuppertal) sprach über die Angst im Märchen. Er zeigte, dass die Welt der Grimmschen Märchen von einem fundamentalen Optimismus geprägt ist, die Märchenfiguren ließen Furcht nicht an sich heran, bestenfalls ein leichtes Gruseln wie in dem Märchen "Von einem der Auszog, das fürchten zu lernen". Die echte Märchenfigur brauche nicht das Fürchten zu lernen, denn sie stirbt auch nicht. Da sie keine echten Reifeprozess durchmachen, blieben ihnen letztlich Leben und Tod in seiner ganzen Bedeutung fremd.

Prof. Rölleke
Prof. Dr. Heinz Rölleke sprach über
furchtlose Märchenhelden

Die von Akademiedirektor Dr. Jan Badewien (Karlsruhe) und Krankenhausseelsorger Hans Erich Loos (Heidelberg) geleitete Tagung zeigte die Ambivalenz von Angst auf und öffnete Wege der Angstbewältigung im Sinne des christlichen "Fürchte dich nicht". Dies wurde nicht zuletzt in einem Gottesdienst zur Tagung unter dem Motto "In der Welt aber habt ihr Angst" deutlich.

Dr. Hans Erich Loos (l.) und Akademiedirektor Dr.Jan Badewien (r.) währned des Gottesdienstes zur Tagung
.Dr. Loos u. Dr. Badewien

Weiterführende Infos zur Tagung:
Der Beitrag von Professor Henning ist nachzulesen unter http://medialab.fh-karlsruhe.de/persons/phenning/start/startlect.html

Ralf Stieber, Karlsruhe, den 25. Januar 2005