Bericht zur Akademietagung 'Wer ist die Schönste im ganzen Land?" |
Schönheit gilt als Qualitätskriterium, das die Kultur in ihrer ganzen Vielfalt von der Ästhetik bis hin zur Ethik umfasst. Sie scheint schlichtweg das Wünschenswerte an sich zu sein. Auf der Tagung „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ der Evangelischen Akademie in Bad Herrenalb, die sich mit Aspekten des schönen Aussehens auseinandersetzte, wurden jedoch schnell „Ambivalenzen des Schönseins“ sichtbar. Die Publizistin Farideh Akashe-Böhme (Darmstadt) bezeichnete Schönheit als einen „Wert der Steigerung“, der im Sinne Platons auf Vollkommenheit abzielt. Das Leiden an der Schönheit sei damit schon vorprogrammiert, was an der Lage der Schönen in unserer Gesellschaft deutlich werde: Schönheit sei kein ein „beruhigendes Glück“, sondern werde vielmehr durch einen „ständige Perfektionierungsdruck“ bestimmt. Die Achillesferse der Schönheit sei die Zeitlichkeit des Lebens.
Vorstellungen von Schönheit im Spiegelbild einer Frauenzeitschrift stellte die Redakteurin Susanne Gerlach (Hamburg) vor. In den 50er Jahren sei man noch sehr dogmatisch gewesen, „wie eine Frau auszusehen und sich zu verhalten hat“. Ziel heute sei es, „ehrlich zu informieren, damit Frauen selbst entscheiden können, wie sie aussehen möchten bzw. was sie sich kaufen wollen“. Letztlich müsse „jeder selbst für sich herausfinden, was schön ist“. Außerdem sei Aussehen „wirklich nicht alles im Leben“.
Wer sich einer Schönheitsoperation unterziehen möchte, ist da offensichtlich anderer Meinung. Von Brustvergrößerungen, Haarverpflanzungen bis hin zu Fettabsaugungen geht das Spektrum der modernen Schönheitschirurgie, für manche inzwischen ein Konsumartikel wie der Kauf eines neuen Autos. Klaus Luttenberger (Karlsruhe), Facharzt für Plastische Chirurgie, bezeichnete es als sein Anliegen, Menschen zu einem Aussehen zu verhelfen, mit dem sie zufriedener sind: „ein gutes Aussehen hilft Menschen weiter, ohne dass sich ein Mensch innerlich verändern muss“. Allerdings sollte sich „niemand unter das Messer legen, der nicht die Risiken bedacht hat“.
„Schöner“ geht es noch in der großen Literatur zu. Dort herrscht, wie die Literaturwissenschaftlerin Marita Hecker (Heidelberg) verdeutlichte, ein Schönheitsbegriff vor, der sich nicht einfach vom Äußeren ableitet: Schönheit wird häufig – wie in Marcel Prousts Roman „ Eine Liebe Swanns“ als ein „Beziehungsgeschehen“ in der Liebe dargestellt. Nicht einmal schlechte Zähne, angekaute Fingernägel oder übergroße Schweigsamkeit könnten die Liebenden darüber hinwegtäuschen, dass ihre Geliebten schön sind.
Für die Theologie ist die Auseinandersetzung mit der Schönheit „ein eher unterbelichtetes Thema“, so Akademiedirektorin Annegret Brauch (Karlsruhe). Dem steuerte der Beitrag „Schön sein – eine vergessene Gotteserfahrung“ der Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel (Tübingen ) entgegen. Aus ihrer Sicht hat „die leiblose Theologie in der Nachfolge Augustins“ die Augen für die Schönheit Gottes und der Menschen versperrt. Zu sehr sei Gott als ein „Überwachungsagent der Stasi“ verstanden worden. Gott zähle aber keineswegs nur die Sünden, sondern gönne den Menschen sinnliche Lust an sich und der Schöpfung. Moltmann-Wandel ermutigte dazu, „Schönheit neu als ein tief in jedem Menschen eingelagertes Gefühl zu entdecken“.
Ralf Stieber, Karlsruhe, 22. März 2004