Bericht zur Johnson-Tagung der Evangelischen Akademie Baden mit der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe
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Dinosaurier der Innerlichkeit und widerständiger Autor

Begegnungen mit dem Grenzgänger Uwe Johnson

Uwe-Johnson-Tagung in Bad Herrenalb
Prof. Dr. Norbert Mecklenburg (Köln)

PD. Dr. Holger Helbig (Erlangen-Nürnberg) und
Rainer Paasch-Beeck (Kiel)

Dr. Katja Leuchtenberger (Marbach) und
Prof. Dr. Bernd Neumann (Trondheim)

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Der im Süden Deutschlands eher unbekannte Schriftsteller Uwe Johnson (1934-1984) thematisiert in seinem Werk Zusammengehörigkeit und Fremdheit der Menschen in der DDR und der Bundesrepublik, so in den 1959 erschienen „Mutmaßungen über Jakob“, seinem großen gesamtdeutschen Roman. Unter dem Titel „Mutmaßungen über Uwe Johnson. Heimat als geistige Landschaft“ befasste sich vom 5. bis 7. März 2004 in Bad Herrenalb eine Tagung der Evangelischen Akademie Baden mit der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe mit Johnsons Leben und Werk.

Professor Dr. Bernd Neumann (Universität Trondheim), Verfasser der großen Uwe-Johnson-Biographie, bezeichnete „die Distanzierung von Vergangenem“ als kennzeichnend für das Erzählen Johnsons. In seinen Werken nehme er die Rolle eines Außenstehenden an, der Vorgänge registriert und nicht mehr Teil der Gemeinschaft ist. Hintergrund dafür war, dass Johnson als Kind in eine Eliteschule der Nazis gesteckt wurde und wahrscheinlich ein beflissener Hitlerjunge war. Nach 1945 erlebte er in der DDR dann den realen Sozialismus und engagierte sich in der FDJ, bis zu einem Protestauftritt 1953, wo er sich weigerte, die staatliche Verleumdung der Jungen Gemeinde zu unterstützen.

Aktuell und unverschlissen

Auf Herausforderungen und Zumutungen bei der Lektüre der frühen Romane Uwe Johnsons ging Dr. Katja Leuchtenberger vom Schiller-Nationalmuseum Marbach ein. Die „Mutmaßungen“ als ein bis ins kleinste Detail exakt durchkomponierter Roman seien bis heute aktuell und völlig unverschlissen. Der Preis der Lektüre sei hoch, da sich der Roman dem flüchtigen Lesegenuss verweigere. Wer sich darauf einlassen könne, dem er öffne sich „eine Welt von hoher Suggestivkraft“. Authentisch werde ein Bild der gesellschaftlichen Wirklichkeit der DDR des Jahres 1956 entworfen, von den Ermittelungsmethoden der Stasi bis zu den Interna der Reichsbahn.

Uwe Johnsons Deutschlandbild untersuchte der Literaturwissenschaftler Rainer Benjamin Hoppe (Universität Trondheim). Johnson habe bereits zu Lebzeiten als so genannter deutsch-deutscher Autor gegolten, teilweise sei er zum Dichter der beiden Deutschland hoch stilisiert worden. Johnson selbst lehnte dieses Etikett vehement ab, allerdings vergeblich. Tatsächlich war er einer der wenigen Autoren in Westdeutschland, welche die DDR und damit die deutsche Teilung überhaupt wahrnahmen. Meist waren es aus der DDR geflüchtete Autoren, die sich des Themas annahmen. Von den genuin westdeutschen Autoren engagierte sich für die deutsche Frage lediglich ein Außenseiter wie Arno Schmidt. Die westdeutsche Literatur habe im Gegensatz zur DDR-Literatur die deutsche Frage wie die Katze den heißen Brei umgangen. Offensichtlich hatten die Autoren sich ein Denkverbot auferlegt, das darauf beruhte, dass jeder, der von der Einheit sprach, als rechtsradikal galt. Gleichzeitig gab es eine verquere Solidarität mit der DDR.

Literarische Geburtsurkunde der neuen Ostpolitik

In Johnsons deutsch-deutschem Frühwerk komme insbesondere der unterschätzten Erzählung „Zwei Ansichten“ (1965) Bedeutung zu. Mit der Darstellung der zwei gegensätzlichen Ansichten und Positionen – DDR und BRD – werde zu einem „sachorientierten, entideologisierten Umdenken und Neudenken in der Deutschlandpolitik“ herausgefordert. Damit gebühre dieser Erzählung der Rang einer Art „literarischer Geburtsurkunde der „neuen Ostpolitik“, die bekanntlich 1963 von Egon Bahr auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing erstmals der Öffentlichkeit unter dem Motto "Wandel durch Annäherung" vorgestellt worden war. Hoppe nannte die Erzählung als den einzig anspruchsvollen literarischen Text, der den Mauerbau beschreibe.

Neumann bezeichnete Johnson als einen „Dinosaurier der Innerlichkeit“. Der Schriftsteller sei so verletzbar gewesen, dass er im Grunde eine Erscheinung des empfindsamen 18. Jahrhunderts gewesen sei. Zugleich ist er aber auch ein widerständiger Autor: Der Mitherausgeber des Johnson-Jahrbuchs, PD Dr. Holger Helbig (Universität Erlangen-Nürnberg), erinnerte an Johnsons Büchnerpreis-Rede von 1971. In seiner Rede habe Johnson dazu aufgefordert, mit dem Verschweigen und der Bemäntelung politischer und gesellschaftlicher Sachverhalte zu brechen und auszusprechen, wie sich die Dinge wirklich verhalten. Schriftsteller, so Johnson, seien verpflichtet auszusprechen, wenn Regierungen und Zeitungen lügen.

Darauf zielte auch sein „interkulturelles Erzählen“ ab, von dem Professor Dr. Norbert Mecklenburg (Universität Köln) sprach: Johnson habe Nachbarschaft und Fremde dialektisch beschrieben: Fremdheit könne auch in der Nachbarschaft erfahren werden und umgekehrt. Kritisch habe er sich gegen Strukturen der Entfremdung und Zerstörung gewandt, die Nachbarschaft verhinderten. Seine Utopie sei die Nachbarschaft unter allen Menschen gewesen.

Kenner und Kritiker der Kirche

Der Religionsphilologe Rainer Paasch-Beeck (Kiel) stellte Johnson als Chronisten und Kritiker der Kirche dar, der exzellent über die kirchliche Praxis und die Geschichte der Kirche Bescheid gewusst habe. Sein Roman „Jahrestage“ (1970-1983) befasse sich wie kein zweiter deutscher Roman mit der Geschichte der Kirche im Nationalsozialismus. Seine Darstellung des Kirchenkampfes sei in vieler Hinsicht genauer als viele einschlägige Geschichtsbücher. Im Geiste Martin Niemöllers kritisierte Johnson „die unsägliche Verbindung zwischen Militär und Kirche“, insbesondere die Remilitarisierung der Bundesrepublik nach 1945.

Johnson sei - so Paasch-Beck - trotz scharfer Kritik besonders an der Evangelischen Kirche Mecklenburgs mit dem Portrait des Pastors Wilhelm Brüshaver „die vielleicht eindrucksvollste Figur eines evangelischen Geistlichen in der zeitgenössischen Literatur“ gelungen. Neben Brüshaver, der Züge Niemöllers trage, bilde Johnson aber das ganze Spektrum der Pfarrerschaft im Nationalsozialismus ab: die dargestellten deutschnationalen Pfarrer und Antisemiten stünden für viele Pfarrer in dieser Zeit. Die „Jahrestage“ wurden inzwischen von Margarethe von Trotta verfilmt. Sie sind auch als Film eher „schwere Kost“, zumindest im Verhältnis zu dem, was sonst dem Fernsehpublikum vorgesetzt werde, so der Filmkritiker Dr. Peter Kohl (Karlsruhe). Wer sich aber darauf einlasse, erlebe eine gediegene Filmsprache, die sich wohltuend vom Bildersalat der Videoclips abhebe.

Erfolgreiche Tagungsreihe

Akademiedirektor Dr. Jan Badewien (Karlsruhe), der in seiner Predigt Johnsons Verhältnis zur Bibel aufgegriffen hatte, sagte zum Abschluss der gut besuchten Tagung, es sei gelungen, das Werk Johnsons auch in Süddeutschland einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Professor Dr. Hans Georg Schmid-Bergmann, Leiter der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe kündigte an, die gemeinsame Tagungsreihe in Bad Herrenalb fortzusetzen. In den vergangen Jahren gab es bereits literarische Akademietagungen zu Brecht, Hebbel, Kaschnitz, Hesse und Rilke, einige davon wurden in der Reihe Herrenalber Forum dokumentiert.

Ralf Stieber, Karlsruhe, 9. März 2004


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