Tagungen
Das Gesellschaftspiel von Unschuld und Rechtschaffenheit entlarven
Küng-Schüler Urs Baumann erhielt den Herrenalber Akademiepreis 1993
Bad Herrenalber Akademiepreis

Der mit 3.000 DM dotierte "Bad Herrenalber Akademiepreis" ist am Sonntag, den 27. Juni, dem in der Schweiz geborenen katholischen Theologen Urs Baumann (Tübingen) verliehen worden. Der Freundeskreis der Evangelischen Akademie Baden würdigte damit den Vortrag "Schuldübernahme als Aufgabe von Humanität", den Baumann im November vergangenen Jahres auf einer Akademietagung zum Thema "Brauchen wir einen Sündenbock?" gehalten hatte.

Akademiedirektor Klaus Nagorni (Karlsruhe) hob in seiner Laudatio hervor, es sei Baumann in seinem Beitrag gelungen, "das oberflächliche Gesellschaftsspiel von Unschuld und Rechtschaffenheit" zu entlarven. Baumanns Forderung, Schuld "wieder tragbar und besprechbar zu machen", zeige Wege auf, den Mechanismus der Verschiebung von Verantwortung auf "Sündenböcke" zu unterbrechen.

In seinem Festvortrag bezeichnete Baumann den christlichen Glauben als eine Antwort auf das in weiten Kreisen unserer Gesellschaft verbreitete Gefühl "existentieller Verunsicherung, Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit". Baumann warnte zugleich vor einem "pessimistisch-resignativen Verzicht der Gesellschaft auf die Fortsetzung des jahrhundertealten Experiments einer Geschichte von Zukunft, Freiheit und Sinn". Das Christentum sei von seinem Wesen her "das radikale Zeichen des Widerstandes gegen jede Form der Entgeschichtlichung und Anonymisierung des Menschen" zu setzen. Solange sich die Menschheit noch als "Teil der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen" verstehe, habe die Hoffnung auf Zukunft Bestand.

Baumann, der Universitätsdozent am von Hans Küng geleiteten "Institut für Ökumenische Forschung" in Tübingen ist, unterstrich, daß es in unserer Zeit des Epochenwandels wichtig sei, sich um "einen Theologie zu bemühen, die gleichzeitig ökumenisch, verständlich und menschenzugewandt" ist. Eine solche Theologie sei "katholisch im ursprünglichen Sinne des Wortes".

Ralf Stieber, Bad Herrenalb, den 28. Juni 1993


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