[Home] [Back] [Up] [<<] [>>]


Die Evangelische Akademie Baden 1963


Die 60er Jahre waren für die Akademie in Herrenalb aus zweierlei Gründen Schlüsseljahre:

Zum einen erschien im Juni 1963 die Denkschrift “Der Dienst der Evangelischen Akademien im Rahmen der kirchlichen Gesamtaufgabe”. Die Akademien werden darin als “Stätte der Begegnung”, “Erwachsenenkatechumenat” und “Stätte der Seelsorge und Verkündigung in Alltagsbereichen” bezeichnet. In der Denkschrift heißt es dann weiter:

“Als Stätten der Begegnung sind Akademien gewissermaßen 'Zelte des Nachdenkens' [...] Eine Art Erwachsenenkatechumenat sind die Akademien geworden, weil ihre Tagungen in der Regel so angelegt sind, daß sich dort überwiegend solche Menschen versammeln, die nicht gewohnt sind, in die Kirche zu gehen, die aber in den Akademien entdecken, daß die Botschaft der Kirche etwas mit ihrem persönlichen Leben zu tun hat und daß sie Antwort geben kann auf mancherlei wichtige Fragen. Man könnte die Evangelischen Akademien von daher als einen Areopag des 20. Jahrhunderts bezeichnen [...] Mehrere Akademien gingen über diese Aufgabenstellung noch hinaus, ohne sich aufzugeben. Sie bemühten sich systematisch, seelsorgerliche Zuständigkeiten für bestimmte Alltagsbereiche aufzubauen, sozusagen seelsorgerliche Ambulanzen zu schaffen, die bestimmten Personenkreisen und Handlungsgemeinschaften der modernen Gesellschaft zugeordnet sind.”

Als Arbeitsergebnisse der Akademiearbeit werden u.a. genannt die “Gewinnung neuer Erkenntnisse für die Kirche”, die “Entdeckung neuer missionarischer Wege” und die “Wahrnehmung neuer diakonischer Aufgaben der Christenheit” (S. 111).

Zum Ertrag der missionarischen Arbeit der Akademien heißt es, daß sie beitragen zu einer “teilweisen Überwindung antikirchlicher Affekte in weiten Gruppen der Bevölkerung, z.B. der Arbeiterschaft”, “Entdeckung neuer Methoden des Zugangs zu den kirchlich Fernstehenden”, “Ermutigung kirchlich ungeschulter Menschen zur Äußerung ihrer Fragen und Auffassungen”, “Übersetzung der kirchlichen Botschaft in bisher kaum erreichte Lebensbereiche der modernen Welt”, “Öffnung sozialer Gruppen für einen kirchlichen Dienst (z.B. Betriebe, Gewerkschaften usw.)” und “Vermittlung von Anstößen zu neuem Glauben und Leben an viele bisher kirchlich gleichgültige und geistlich entfremdete Menschen” (S. 112).

Schon damals war vielen Verantwortlichen deutlich, daß die Kirche nur als offensiv handelnde Kirche echte Zukunft hat. Die erste Denkschrift ist auch in diesem Punkt heute noch lesenswert, da sie die gesellschaftlichen Umbrüche, die auf die Kirche zukamen, vorausahnte und Konsequenzen beschrieb. So heißt es in der Schlußbemerkung (S. 123):

“Ihre Arbeit steht gegenwärtig an einem Punkt, wo sich die Kirche entscheiden muß, ob sie sich für große Lebensbereiche und Lebensfragen für mehr oder weniger unzuständig erklären, oder ob sie den Trägern dieser Arbeit die nötigen Menschen und Mittel zur Verfügung stellen will. Nur so wird es möglich sein, die von den Akademien erkundeten Lebensräume in eine dauernde Verbindung mit der Kirche zu bringen”.

Die andere für die Evangelische Akademie Baden wichtige Weichenstellung war, daß die badische Landeskirche in die Tagungsstätte in Herrenalb und damit auch in die Akademie investierte, indem sie im Sommer 1963 mit Umbau- und Neubauarbeiten im “Haus der Kirche” begann. Explizites Ziel war es, “der Evangelischen Akademie eine ausreichende Zahl von Einzelzimmern, bessere Unterkünfte für die Haustöchter und für den Hausmeister sowie den erforderlichen großen Vortragssaal und die Gesellschafts- und Speiseräume” zur Verfügung zu stellen. Im Oktober 1965 wurde auch der Neubau feierlich eingeweiht (vgl. dazu Horst Wein, in: Wer redet liebt, S. 45f.).


Letzte Änderung: 12. Januar 2000, © Ralf Stieber (rts), Evangelische Akademie Baden, Karlsruhe