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Die Evangelische Akademie Baden
1960
Die sich schon länger anbahnende Erweiterung der Akademie wird 1960 vollzogen. Um dem Anspruch gerecht zu werden, eine große Bandbreite unterschiedlicher Berufsgruppen mit dem Akademieprogramm anzusprechen, wird der Mitarbeiterstab der Akademie erweitert. Am 1. April 1960 tritt Pfarrer Willi Gegenheimer, bislang Leiter der Männer- und Industriearbeit der Landeskirche, als Studienleiter an die Seite von Hans Schomerus.
Mit den Tagungen von Gegenheimer rückte insbesondere die Berufs- und Lebenswelt von Gewerkschaftern und Unternehmern, Industriearbeitern und Angestellten, Betriebs- und Personalräten deutlicher ins Blickfeld der Akademie. Einem weitaus größerem Kreis von Menschen, die der Kirche auch relativ fern standen, konnte die Akademie nun ein erweitertes staatsbürgerliches und gesellschaftliches Bildungsangebot auf der Basis des biblischen Menschenbildes anbieten.
Eine der ersten Tagungen Gegenheimers war die zweisprachige Tagung für französische und deutsche Pädagogen: Lart moderne dans les problèmes de lentente européenne/ Die Kunst der Moderne im Lebensbereich europäischer Verständigung, die vom 15.-17. Juni 1960 in Sewen bei Belfort (Frankreich) stattfand. Ausgehend von der Kunst galt die Aussprache der Frage, die auch heute noch im zusammenwachsenden Europa aktuell ist: Welchen Weg wollen die Völker Europas weiter vorangehen, den technisch-formalen oder den menschlichen Weg?
Viele Tagungen dieser Zeit wenden sich aber auch gezielt einzelnen Berufsgruppen, Verbänden, Organisationen und Betrieben zu und werden z.T. auch gemeinsam organisiert. Mit der Leitung von Tagungen sind 1960 neben Akademiedirektor Schomerus und Studienleiter Gegenheimer Mitarbeiter aus der Männer- und Industriearbeit wie Oskar Herrmann, Willi Müller und Lothar Volz aus der Bauernarbeit beauftragt. Als Tagungsstätten neben dem Haus der Kirche in Herrenalb werden das August-Winnig-Haus in Wilhelmsfeld (Odenwald) sowie das Albert-Schweitzer-Haus in Görwihl (Süd-Schwarzwald) genutzt. Die Zahl der Tagungen konnte mehr als verdoppelt werden:
1958: 28 Tagungen mit 2314 Teilnehmern,
1959: 30 Tagungen mit 2043 Teilnehmern,
1960: 70 Tagungen mit 3874 Teilnehmern,
1961: 110 Tagungen, 5531 Teilnehmern.
In dem Bericht an die Landessynode wird erklärt, daß der Erfolg der Akademie weithin einer allgemeinen Tendenz zu verdanken ist, nämlich dem starken Bedürfnis nach Information. In allen Epochen, in denen der Mensch sich nicht mehr an Traditionen orientieren kann, wächst das Bedürfnis an Information.
Ein wenig in Vergessenheit geraten ist, daß die Akademie Baden als wohl erste europäische Akademie sich offensiv mit dem Thema Dritte Welt auseinandersetzte und schon 1960 einen originalen Beitrag zur Entwicklungshilfe leistete, indem sie Pfarrer Ardi Soejatno aus Java für fast ein Jahr in die Arbeit der Evangelischen Akademie Baden hineinnahm. Damit sollte ihm Gelegenheit geboten werden, in Baden Erfahrungen in der Akademiearbeit zu sammeln und sie in seiner Heimat auszuwerten. Im Bericht an die Landessynode von 1961 heißt es:
Mit der Übernahme von Pfarrer Ardi Soejatno aus Java in die Akademie von Februar bis Ende November 1960 hat Herrenalb als erste europäische Akademie ein Experiment gemacht, das nach dem Bericht von Dr. Müller-Krüger aus Surabaja lebhaft in den Jungen Kirchen Indonesiens, Indiens und Japans besprochen worden ist, und zwar mit großer Zustimmung.
Inzwischen haben sich aufgrund unserer Erfahrungen auch andere Akademien wie Iserlohn und Hamburg entschlossen, denselben Weg einer originalen Entwicklungshilfe zu beschreiten. Es wäre sehr zu wünschen, daß die Arbeit fortgesetzt werden könnte. Sie erfordert einschließlich Reise vom Entwicklungsland und zurück, erste Kleiderausstattung und Gehalt für 12 Monate etwa DM 16.000,-. Wir geben uns Mühe, diese Mittel zu bekommen, ohne die Finanzen der Landeskirche in Anspruch zu nehmen.
Letzte Änderung: 12. Januar 2000, © Ralf Stieber (rts), Evangelische Akademie Baden, Karlsruhe