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Die Evangelische Akademie Baden
1952
Über 16 Jahre lang würde Hans Schomerus der Evangelischen Akademie Baden ihre Prägung geben. Schwerpunkte der Akademiearbeit lagen auf der Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Zeit des Aufbaus und auf philosophisch-theologischen Themen. Die Tagungen wurden überwiegend offen ausgeschrieben, d.h. sie sollten allen gesellschaftlichen Kreisen zugänglich sein.
Eine dieser offenen Akademietagungen befaßte sich 1952 mit dem offensichtlich nicht erst seit heute verbreiteten Mißtrauen gegenüber den Parteien. Im Programm zur Tagung Die geistige Krise der Parteien ist zu lesen:
Es läßt sich nicht leugnen, daß schon das bloße Wort Partei im heutigen Sprachgebrauch stark mit Gefühlen belastet ist, die durchweg negativ und hemmend sind. Man bekennt sich nicht mehr zu einer Partei, man redet von den Parteien insgesamt mit einem merklichen Abstand. Da nun einmal in der modernen Demokratie die Parteien eine entscheidende Rolle spielen, übertragen sich die den Parteien geltenden Empfindungen auf das politische Leben überhaupt. Die Folge ist eine weitgehende Gleichgültigkeit und Teilnahmelosigkeit.
Die Kirche steht außerhalb jeder politischen Taktik. Sie betreibt von sich aus weder Außen- noch Innenpolitik. Sie steht aber in ihren Gliedern nicht außerhalb des politischen Raumes überhaupt. Denn in diesem Raum fallen ständig Entscheidungen, die das sittliche Bewußtsein des Menschen angehen. Infolgedessen ist politische Gleichgültigkeit und Unwilligkeit zur politischen Entscheidung keine Haltung, deren ein Christ sich rühmen darf. Vielleicht aber beruht die weithin zu beobachtende staatsbürgerliche Ermüdung auf einem ungesunden Aufbau der gegenwärtigen politischen Ordnung. Sind vielleicht die Parteien geistig am Ende?
Zur thematischen Weiterentwicklung der Akademiearbeit schrieb Schomerus daher auch in den Arbeitsbericht der Akademie vom 31. Oktober 1952:
Neben Lebens- und Berufstagungen sind solche über die großen öffentlichen und politischen Problemen der Gegenwart getreten. Die Dauer der Tagungen mußte meist auf das Wochenende beschränkt werden, weil Zeit und Geld der Menschen immer knapper werden. Aber der Horizont der Gespräche weitete sich, soziologische, wirtschaftliche, politische Gesichtspunkte wurden immer stärker einbezogen. [...]. Die Themen der Tagungen geben einen Querschnitt durch die moderne Gesellschaft, auch in ihrer weltanschaulichen Struktur.
Mit diesem Konzept erreichte er viele Menschen und die Zahl der Akademietagungen erhöhte sich. Zum Vergleich die Tagungs- und Teilnehmerzahlen 1949-1952:
1949: 12 Tagungen, 393 Teilnehmer,
1950: 12 Tagungen, 556 Teilnehmer,
1951: 24 Tagungen, 1515 Teilnehmer,
1952: 32 Tagungen, rund 2200 Teilnehmer.
Wenig später verdeutlicht Schomerus, daß die Akademie aber weder ein volksmissionarisches noch evangelistisches Ziel habe:
Sie stellt sich vielmehr die Aufgabe, der zentrifugalen Tendenz unserer gegenwärtigen geistigen Geschichte entgegen zu treten, indem die Fragen unserer Gegenwart wieder auf die göttliche Mitte hin orientiert werden. Das ist ein kirchlicher Dienst und zugleich ein Dienst an die Öffentlichkeit (aus: Bericht über die Arbeit im Winter 1952/53).
Letzte Änderung: 12. Januar 2000, © Ralf Stieber (rts), Evangelische Akademie Baden, Karlsruhe